Knohlls ”Vinicultur-Büchlein” – die verschiedenen Veröffentlichungen
Insgesamt erfuhr Knohlls ”Klein Vinicultur-Büchlein” vier Auflagen, von denen die drei noch vorgefundenen Exemplare des Originals von 1667, weitere zwei von fremder Hand ergänzte aus dem Jahre 1700 und 1711 und eine ”neu durchgesehene” Ausgabe aus dem Jahre 1848 im Rahmen der Recherchen zu dem vorliegenden Artikel eingesehen werden konnten.
Die Originale sind von Nachdrucken schnell zu unterschieden, weil sich in die Ausgabe von 1667 im Kolumnentitel der Seite 69 ein kleiner Satzfehler eingeschlichen hat: hier wurde aus ”Vom Anbau eines Neu-Landes zum Weinberge” ein ”Weiberg”. Die Dresdner Ausgaben von 1700 und 1711 im Verlag von Johann Jacob Wincklern, in dem Texte von Knohll wieder abgedruckt werden – das läßt sich erkennen an den Initialen, die das Ende der jeweiligen Einführung mit ”J. P. K.” zeichnet -, hatten aber bereits einen anderen Titel und einen erfundenen Autorennamen: ”Der Curiöse und offenherzige Wein-Arzt. Das ist allerhand bewährte Mittel / wie der Wein von der Kelter an sorgfältig zu warten / beständig gut zu erhalten sey. Allen Hauß-Vätern und Müttern mitgetheilet von Sincero Philalete”. Nocheinmal mit erweitertem Inhalt erscheint die Ausgabe von 1711, ebenfalls bei Johann Jacob Wincklern in Dresden. Diesmal heißt der Titel: ”Kurtze Beschreibung und Unterricht des Wein-Baues...Nebst einem Offenhertzigen Wein-arzt...und mit einer Baumschule vermehret”.
Mit der Ausgabe von 1700 unter Verwendung von Knohllschen Weinbautexten, in deren Buchtitel jedoch ein ”Offenherziger Wein-Arzt” unter dem Autorenpseudonym Sincerus Philaletes als Verfasser angekündigt ist – in viele Fällen wurde zu jener Zeit versucht, durch Beigebung eines latinisierten Autorennamens das Werk seriöser, wissenschaftlich und damit besser verkäuflich zu machen -, erhält Johann Paul Knohll, der belesene aber bodenständige Bau- und Bergschreiber, prompt seine höheren wissenschaftlichen Weihen. Gegen die Weiterverwertung von Texten, deren Ausschlachtung oder Veränderung durch Kompilatoren, Plagiatoren oder Verleger, konnten ihre vormaligen Original-Autoren vor etwa 1800, bis sich das Urheberrecht, in England allmählich festgeschrieben, nach und nach über andere europäische Länder ausdehnte und Anwendung fand, nichts unternehmen.
Keiner von ihnen vermochte zu verhindern, daß populäre Passagen an Dutzenden von Orten und zu unendlichen Malen ohne Kenntnis der Urheber original oder bearbeitet nachgedruckt wurden. Bereits das 1714 in Chemnitz erscheinende Werk ”Unvorgreifliches Sentiment von dem elenden Zustand unterschiedener Kinder und erwachsener Personen in St. Annaberg”, das ebenfalls von einem Sincerus Philaletes verfaßt ist, und das von der mißlichen sozialen, psychologischen und medizinischen Lage bestimmter Personengruppen in dem angegeben Ort handelt, wird in Bibli-othekskatalogen bis heute Johann Paul Knohll und dessen angeblichen Pseudonym Sinc. Phil., zugeschrieben. Dieser kann aber diese Schrift kaum verfaßt haben. Erstens lebte er zu diesem Zeitpunkt vermutlich bereits nicht mehr, ansonsten wäre er um die 85 bis 90 Jahre alt gewesen, zweitens ist er mutmaßlich zeitlenbens nie mit Chem-nitz, seiner Umgebung und deren Bürgern in Berührung gekommen, drittens ist der Text gespickt mit lateinischen und medizinischen Partituren, die niemals zur Bildung, Ausbildung und dem Wirkungsfeld Knohlls gehört haben.
Die nachweislich fälschliche namentliche Wahlverwandschaft setzt sich von damals bis heute fort: 1906 ist sie im ”Deutschen Pseudonymen-Lexikon” zu finden, 1963 im ”General Catalogue of Printed Books” des British Museum in London und ebenso in der 1988er Ausgabe der ”Bibliographie des deutschen Weines”.Die 1848er Ausgabe des ”Klein Vinicultur-Büchlein” wurde von dem Mitglied der Sächsischen Weinbaugesellschaft, Dr. E. V. Dietrich, eingerichtet, von ihm ”aufs neue durchgesehen und mit einem Vorworte begleitet”. Dieser neu gesetzte Nachdruck ist vollständig von der im Original enthaltenen Abbildung der damaligen Hoflößnitz, von Gotteslob, Fürstenwürdigung und Winzerschelte bereinigt, also um Deckblatt, Dedicatio, Vorrede und Zusatz gekürzt. Zwar hat Dietrich ”die kräftige derbe Sprache Paul Knohlls beibehalten. Wohl aber mußte die Vorrede, die sich größtenteils um persönliches Interesse drehte, eine gänzliche Umgestaltung erfahren”, und zwar in der Form, daß von den 60 Seiten Vorspann - das macht von den gesamten 245 Seiten des Originals genau ein Viertel aus - etwa sieben Seiten in das neue Vorwort von Dietrich eingehen. Und dieser Auszug aus der originalen Vorrede wird zu dem Zwecke wiedergegeben, ”nicht etwa um auf unser Winzerland ein übles Licht zu werfen, vielmehr zu augenscheinlicher Überzeugung, wie weit höher er (Knohll) dermalen durch Schulbildung und durch belehrende Einwirkung vieler Bergherren vor den Winzern der Vorzeit steht und wie es nur seine eigene Schuld ist, wenn er in Arbeitsfähigkeit, Tüchtigkeit und Betragen nicht seinem Berufe, der ein ebenso ehrenhafter als nützlicher ist, entspricht”.
Außerdem würdigt E. V. Dietrich in der neu besorgten Ausgabe von 1848 in seinem eigenen Vorwort noch an andere Stelle den J. P. Knohll als ”Begründer einer bessern Weinkultur und Kellerwirthschaft seines Vaterlandes”, um im selben Federstrich festzustellen, daß das Buch Knohlls ein ”Resultat langwierigen sorgsamen Forschens, erprobter Erfahrungen und eines gesunden praktischen Verstandes (ist), der am Ende so weit führt, als selbstgeschaffene Theorien, die von außen glänzen, von innen hohl sind”. Allerdings, so beendigt E. V. Dietrich seine Anmerkungen zu Knohll, bevor er mit einigen Betrachtungen über den Weinbau zu den Zeiten um 1848 seine Vorrede abschließt: ”Der Ruhm bleibt ihm (Knohll), daß er für Sachsen den Grund eines rationellen Weinbaus legte, und die erste Veranlassung gab, daß Weinbergsherren mit eigenen Augen sehen und prüfen konnten.”
In der 1848er Dietrich´sche Wiederauflage des Knohllschen ”Vinicultur-Büchleins” entfallen etliche der Lichtblicke des Originals, die es eigentlich als Monument der weinbaulichen, literarischen und kulturellen Geschichte Sachsens so besonders auszeichneten. Übrig bleibt ein Text des ”Klein Vinicultur-Büchlein”, der, wäre er so ehedem im Original erschienen, lediglich eine sachkundige Auslegung und Anwendung der Churfürstlichen Weinge-bürgs-Ordnung enthalten und als wenig originär und originell kaum für Furore in der zeitgenößischen wie kulturhistorischen Sicht sächsischer Weinbergsarbeit und Weinbauliteratur gesorgt hätte. Bemerkenswert an dieser 1848er Auflage ist der, sonst an anderer Stelle und weiterer Quelle allerdings nicht nochmals zu realisierende Hinweis, daß Johann Paul Knohll ”betagt starb und in Kötzschenbroda begraben liegt”.
Freitag, 12. Oktober 2007
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