
„Diese Bawren fürn gar ein schlecht und niederträchtig Leben“
Um nachzuvollziehen, wie die verschiedenen Gesellschaftsgruppen, Bauern und Bürger, Könige und Fürsten, Geistliche und Mönche bis weit ins 18. Jahrhundert zusammenlebten, muß man auch um deren Vorstellungswelt wissen und verstehen, daß das gesamte damalige Gesellschaftsgefüge geprägt war durch die spätmittel-alterlichen Nachwirkungen von christlichem Glauben und Frömmigkeit, sozialer Gefolgschaft und Treue.
Die Kirche bestimmte mit ihrem göttlichen Heilsplan den geistigen und geistlichen Rahmen, innerhalb dessen das weltliche Geschehen seinen Lauf nehmen konnte. Der einzelne ist noch sehr viel stärker als in kommenden Jahrhunderten der Natur und der Umwelt, den himmlischen und irdischen Mächten ausgesetzt. Herrschaftliche Schutzverhältnisse sicherten dem überwiegenden Teil der Bevölkerung Sicherheit für Hab und Gut, Lehen, Leib und Leben im Alltag, dafür erhielt der Regent als wirtschaftliches Dienstverhältnis Naturalabgaben aus den Ergebnissen ihrer Arbeit oder Arbeitsleistungen zu seiner Lebensführung. Soetwas, das nur im entferntesten den heutigen Begriffen von sozialer Sicherheit nahe käme, gibt es weder im öffentlichen noch privaten Sinne. Deshalb kann man dennoch nicht gradlinig für alle einfachen damaligen Stände, darunter Bauern und Winzer, behaupten, ihr Leben sei arm oder reich, eintönig oder vielfältig, dumpf oder aufregend, einträchtig oder zwieträchtig, sicher oder gefährlich gewesen.
Das alles war abhängig von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zeitläuften und entschied sich an der Spitze der staatlichen und kirchlichen Rangordnung und den Möglichkeiten wirtschaftlicher Einflußnahme daraus und darauf. Wer in der Stufenfolge jeweils mehr gebraucht wurde, dem kam man persönlich mit mehr Rücksicht und Sorgfalt entgegen. Alle anderen stellte man an die Plätze, wo sie der allgemeinen Vorstellung der Zeit nach hingehörten oder man ließ sie links liegen (BORST, 1983; KÜHNEL, 1984; WAAS, 1964).
Die Reste jener Reminiszenzen und Ressentiments, die im Spätmittelalter die Gesellschafts-, Arbeits- und Berufsordnung von Herren und Knechten, Rittern und Bauern, Kaufleuten und Handwerkern bestimmten, hatten lang anhaltende Ausläufer bis in die Zeit der Industrialisierung hinein: jeder Mensch stünde nicht durch Zufall an der Stelle, wo er stünde, sondern stehe dort, bestimmt durch einen größeren, göttlichen, übergeordneten Willen und eine umfassende Ordnung, um seine besonderen Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen. Der Franziskaner-Prediger Berthold von Regensburg († um 1270) ordnet jedem einzelnen sein ”Amt” so zu, daß: ”ez wollte etelîcher gerne ein grâve sîn, sô muos er ein schuohsuter sîn; sô wolltest dû gerne ein ritter sîn, sô muost dû ein gebure sîn und muost uns bûwen korn unde wîn. Wer sollte uns den acker bûwen, ob ir alle herren waeret? Oder wer wollte uns die schuohe machen, ob dû waerest als dû wolltest? Dû muost sîn als got will.” (”Obwohl mancher gerne ein Graf sein möchte, muß er Schuhmacher sein; obwohl du gerne ein Ritter wärest, mußt du Bauer sein und uns Korn und Wein anbauen. Wer sollte uns den Acker bebauen, wenn ihr alle Herren wäret? Oder wer sollte uns Schuhe machen, wenn du das wärest, was du wolltest? Du mußt das tun, was Gott will.”) (zit. bei KÜHNEL, 1984)
In diesem Zeitalter wurde über dieses Zeitalter von hohen und niederen Ständen gegenseitig vor Gott und über die Welt lamentiert. 1375 machte sich der Dichter John Gower seinen Reim auf die Zeit: ”Auf dieser Welt wird zusehends alles schlimmer. Schäfer und Kuhhirten verlangen für ihre Mühe mehr, als der Vogt in den früheren Tagen für sich selber forderte. Ach, was für eine Zeit! Die Armen und das niedere Volk wollen besser essen als ihre Herren. Und mehr noch, sie stecken in schönen Kleidern, die in allen Farben leuchten.” 1420 schrieb Konrad Justinger in seiner Berner Ratschronik: ”Niemand weret daz unrecht. Es fürcht niemand me got, wieder gewaltig noch ungewaltig, und enteret (entehrt) man die heiligen, darumb so stat die christanheit in großer not.”
Mitten in der Reformationszeit berichtet Sebastian Münster über den Bauernstand: ”Der vierte Stand ist der Menschen die auf dem Felde sitzen und in Dörffern, Höffen und Wylerlin und werden genennt Bawern, darum sie das Feld bawen und das zu der Frucht bereiten. Diese fürn gar ein schlecht und niederträchtig Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesind und Viech. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot und Holz gemacht, uff das Ertrich gesetzt und Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz trucken Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken ist fast ihr einzig Trank. Eine Zwilchgippe, zween Buntschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leute haben nimmer Ruh. Früw und spat hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nächste Stett zu verkauffen was sie Nutzung überkommen auf dem Feld, und von dem Viech, und kaufen dagegen, was sie bedörffen. Dann sie haben keine oder gar wenige Handwerkslewt bey ihnen sitzen. Ihren Herren müssen sie offt durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht abschneiden und in die Schewer führen, Holz hawen, und Gräben machen. Do ist nichts, das das arm Volk nit thun muß und on Verlust nitt auffschieben darf.”
Um nachzuvollziehen, wie die verschiedenen Gesellschaftsgruppen, Bauern und Bürger, Könige und Fürsten, Geistliche und Mönche bis weit ins 18. Jahrhundert zusammenlebten, muß man auch um deren Vorstellungswelt wissen und verstehen, daß das gesamte damalige Gesellschaftsgefüge geprägt war durch die spätmittel-alterlichen Nachwirkungen von christlichem Glauben und Frömmigkeit, sozialer Gefolgschaft und Treue.
Die Kirche bestimmte mit ihrem göttlichen Heilsplan den geistigen und geistlichen Rahmen, innerhalb dessen das weltliche Geschehen seinen Lauf nehmen konnte. Der einzelne ist noch sehr viel stärker als in kommenden Jahrhunderten der Natur und der Umwelt, den himmlischen und irdischen Mächten ausgesetzt. Herrschaftliche Schutzverhältnisse sicherten dem überwiegenden Teil der Bevölkerung Sicherheit für Hab und Gut, Lehen, Leib und Leben im Alltag, dafür erhielt der Regent als wirtschaftliches Dienstverhältnis Naturalabgaben aus den Ergebnissen ihrer Arbeit oder Arbeitsleistungen zu seiner Lebensführung. Soetwas, das nur im entferntesten den heutigen Begriffen von sozialer Sicherheit nahe käme, gibt es weder im öffentlichen noch privaten Sinne. Deshalb kann man dennoch nicht gradlinig für alle einfachen damaligen Stände, darunter Bauern und Winzer, behaupten, ihr Leben sei arm oder reich, eintönig oder vielfältig, dumpf oder aufregend, einträchtig oder zwieträchtig, sicher oder gefährlich gewesen.
Das alles war abhängig von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zeitläuften und entschied sich an der Spitze der staatlichen und kirchlichen Rangordnung und den Möglichkeiten wirtschaftlicher Einflußnahme daraus und darauf. Wer in der Stufenfolge jeweils mehr gebraucht wurde, dem kam man persönlich mit mehr Rücksicht und Sorgfalt entgegen. Alle anderen stellte man an die Plätze, wo sie der allgemeinen Vorstellung der Zeit nach hingehörten oder man ließ sie links liegen (BORST, 1983; KÜHNEL, 1984; WAAS, 1964).
Die Reste jener Reminiszenzen und Ressentiments, die im Spätmittelalter die Gesellschafts-, Arbeits- und Berufsordnung von Herren und Knechten, Rittern und Bauern, Kaufleuten und Handwerkern bestimmten, hatten lang anhaltende Ausläufer bis in die Zeit der Industrialisierung hinein: jeder Mensch stünde nicht durch Zufall an der Stelle, wo er stünde, sondern stehe dort, bestimmt durch einen größeren, göttlichen, übergeordneten Willen und eine umfassende Ordnung, um seine besonderen Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen. Der Franziskaner-Prediger Berthold von Regensburg († um 1270) ordnet jedem einzelnen sein ”Amt” so zu, daß: ”ez wollte etelîcher gerne ein grâve sîn, sô muos er ein schuohsuter sîn; sô wolltest dû gerne ein ritter sîn, sô muost dû ein gebure sîn und muost uns bûwen korn unde wîn. Wer sollte uns den acker bûwen, ob ir alle herren waeret? Oder wer wollte uns die schuohe machen, ob dû waerest als dû wolltest? Dû muost sîn als got will.” (”Obwohl mancher gerne ein Graf sein möchte, muß er Schuhmacher sein; obwohl du gerne ein Ritter wärest, mußt du Bauer sein und uns Korn und Wein anbauen. Wer sollte uns den Acker bebauen, wenn ihr alle Herren wäret? Oder wer sollte uns Schuhe machen, wenn du das wärest, was du wolltest? Du mußt das tun, was Gott will.”) (zit. bei KÜHNEL, 1984)
In diesem Zeitalter wurde über dieses Zeitalter von hohen und niederen Ständen gegenseitig vor Gott und über die Welt lamentiert. 1375 machte sich der Dichter John Gower seinen Reim auf die Zeit: ”Auf dieser Welt wird zusehends alles schlimmer. Schäfer und Kuhhirten verlangen für ihre Mühe mehr, als der Vogt in den früheren Tagen für sich selber forderte. Ach, was für eine Zeit! Die Armen und das niedere Volk wollen besser essen als ihre Herren. Und mehr noch, sie stecken in schönen Kleidern, die in allen Farben leuchten.” 1420 schrieb Konrad Justinger in seiner Berner Ratschronik: ”Niemand weret daz unrecht. Es fürcht niemand me got, wieder gewaltig noch ungewaltig, und enteret (entehrt) man die heiligen, darumb so stat die christanheit in großer not.”
Mitten in der Reformationszeit berichtet Sebastian Münster über den Bauernstand: ”Der vierte Stand ist der Menschen die auf dem Felde sitzen und in Dörffern, Höffen und Wylerlin und werden genennt Bawern, darum sie das Feld bawen und das zu der Frucht bereiten. Diese fürn gar ein schlecht und niederträchtig Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesind und Viech. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot und Holz gemacht, uff das Ertrich gesetzt und Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz trucken Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken ist fast ihr einzig Trank. Eine Zwilchgippe, zween Buntschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leute haben nimmer Ruh. Früw und spat hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nächste Stett zu verkauffen was sie Nutzung überkommen auf dem Feld, und von dem Viech, und kaufen dagegen, was sie bedörffen. Dann sie haben keine oder gar wenige Handwerkslewt bey ihnen sitzen. Ihren Herren müssen sie offt durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht abschneiden und in die Schewer führen, Holz hawen, und Gräben machen. Do ist nichts, das das arm Volk nit thun muß und on Verlust nitt auffschieben darf.”

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